Wenn Dich Drogen kontrollieren

Suchtpatienten aus der Klinik Schloss Tessin erzählen Neuntklässlern in Picher, warum „Drauf-sein“ so kaputt macht

„Wir wollen die Schüler aufklären“, sagt Schulsozialarbeiterin Elke Kessin. „Sie sollen wissen, was Drogen mit ihnen machen können.“

„Dieses Wissen schützt auch vor Abhängigkeit“, erklärt Olaf Saretzki. Der Suchtberater vom „Schloss Tessin“ begleitete die drei Suchtpatienten nach Picher. Heute würden viele Jugendliche mit Drogen herumprobieren, so der 64-Jährige. „Crystal Meth und Heroin sind besonders gefährlich, weil sie schon beim ersten Konsum abhängig machen können. Aber Haschisch ist immer noch die gängige Einstiegsdroge.“

Einstiegsdroge Haschisch

So wie bei Judith. Sie hat mit 13 ab und zu gekifft, mit 14 schon täglich, mit 18 gekokst. Ihr damaliger Freund hatte ihr Kokain angeboten, sie machte mit. „Das erste Mal fand ich es noch komisch, mir das Zeug durch die Nase zu ziehen“, sagt sie. Später konsumierte sie auch chemische Drogen wie Amphetamine und Ecstasy. Das Abi auf einem Mädchengymnasium schaffte sie noch, das Studium danach brach sie nach fünf Semestern ab. „Ich habe damals teilweise fünf Tage nicht geschlafen“, erzählt die 30-Jährige. „In dem Zustand konnte ich keine Prüfung schreiben.“ Ihr Studienkredit ging für den Rausch drauf. So habe sie mit der Zeit immer weniger hinbekommen und immer mehr die Kontrolle und viele Freundschaften verloren. „Es ist schwer, von außen mit anzusehen, wie jemand vor die Hunde geht“, sagt sie.

Dominik war 19, als er mit Cannabis anfing. Irgendwann griff der gelernte Bäcker zu Amphetaminen, um die Nachtschicht besser durchzustehen. Stück für Stück rutschte er in die Drogenszene hinein, wechselte immer öfter seine Arbeit, fing an zu dealen, saß mehrere Monate im Gefängnis, verlor seine „Normalo“-Freunde und seine Beziehung. „Mein gesamtes Leben richtete sich nach den Drogen aus“, sagt der Vater von zwei Söhnen heute. Geld für Drogen beschaffen, Stoff besorgen, Rausch. „Wenn man drauf ist, ist alles super. Bloß nicht runterkommen. Dann merkt man, wie schlecht es einem geht und wie alleine man ist. Also sorgt man dafür, dass man schnell wieder drauf ist“, erzählt der 28-Jährige. Heute hat er mehr als hunderttausend Euro Schulden.

Zerrupfte Leben

„Drogen zerrupfen dein Leben“, sagt Judith. „Sie haben mich krank gemacht.“ Dabei stehe hinter dem Drogenkonsum oft etwas anderes – Depressionen, Leistungsdruck, fehlender Halt.

Mandy, Judith und Dominik haben viel aufzuarbeiten. „Ich bin seit 10. Januar in Tessin“, erzählt Dominik. Sein Körper habe sich schnell erholt. Mit 64 Kilogramm Gewicht sei er dort angekommen, mittlerweile wiege er 78. „Das Schwierige ist die Psyche. Ich komme erst jetzt wirklich zur Ruhe.“

Zukunftspläne

Mit der Ruhe würden auch die normalen Emotionen wieder kommen und mit ihnen Träume und Wünsche. „Ich bin Tante geworden“, sagt Judith. „Irgendwann möchte ich selbst eine Familie gründen, aber dafür darf ich nicht breit sein.“ Sie möchte Hundetrainerin werden. In ihre Heimatstadt will sie nicht zurück wegen der Rückfallgefahr. Auch Mandy möchte abseits von Dresden ein neues Leben anfangen, „vielleicht in Schwerin oder Rostock“. Dominik hat seine Privatinsolvenz fast hinter sich, eine neue Freundin und träumt von einem Platz für seine eigene Familie.

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