Edeltraut Lück mit Ehemann Werner und Schwägerin Elisabeth Lück (v.l.) erzählen vom Weihnachten ihrer Kindheit. Foto: Sabrina Panknin

Als am Weihnachtsbaum noch Süßes hing

Drei Ludwigsluster Senioren unserer Tagespflege im Alten Forsthof erinnern sich an die Festtage in Kriegs- und Friedenszeiten

Ludwigslust - Werner Lück geht langsam mit einer Krücke über den Flur der Tagespflege in Ludwigslust. Im Kaminzimmer macht er es sich gemeinsam mit seiner Schwester Elisabeth gemütlich. Jeder in seinem Sessel. Seine 87 Jahre sind ihm nicht anzumerken, die 94 Jahre seiner Schwester ebenfalls nicht. Werner Lück überlegt nicht lange. Fängt sofort an zu erzählen. „Wir haben den Weihnachtsbaum nicht so geschmückt wie heute mit Kugeln. Sondern mit Äpfeln, Keksen, anderen Kleinigkeiten“, erzählt der 97-Jährige. Viele Geschenke gab es damals auch nicht. Überwiegend Dinge, die gebraucht wurden. Das waren damals vor allem Kleidungsstücke. Elisabeth Lück allerdings weiß noch, dass sie sich ein Weihnachtsfest sehr über eine kleine Wiege mit einer Puppe darin gefreut hat. „Die war nicht groß“, erzählt sie und zeigt mit Daumen und Zeigefinger, wie groß das Geschenk ungefähr gewesen ist. Nur wenige Zentimeter. Gefreut habe sie sich riesig. Werner Lück war damals wohl 13 Jahre alt, erinnert er sich. „Wir durften erst ins Zimmer, nach dem der Weihnachtsbaum fertig geschmückt war. Vorher nicht.“

1945 kamen die Russen, das Dorf brannte

An vieles können sich die beiden Geschwister erinnern. Vielleicht liegt es daran, dass sie viel erlebt, durchgemacht haben. „Genau an meinem Geburtstag, am 27. Januar, sind wir aufgebrochen. Wir mussten flüchten“, erinnert sich Werner Lück. Der Russe kam. 1945 ging es von Westpreußen erst nach Pommern – bis auch dort der Russe kam. Irgendwann kam die gesamte Familie in Mecklenburg an – lebt seitdem in Ludwigslust. „Alles, was schon für die Konfirmation im nächsten Jahr fertig war, hat der Russe mitgenommen. Und dann hat das ganze Dorf gebrannt“, erzählt Elisabeth Lück. Die Tränen kullern. Bei beiden. Beim Bruder wie der Schwester.

„Ich war nach der Flucht nie wieder in meiner Heimat“

Insgesamt elf Kinder waren sie. „Da gab es nicht viel Geschenke zu Weihnachten. Heute werden die Kinder so überladen mit allem drum und dran“, sagt der 87-Jährige und kritisiert die vielen Geschenke zu Weihnachten. Die Weihnachtsfeste in der Familie waren immer schön. Die Kirche haben sie ebenfalls besucht. „Mit konnten aber nicht immer alle. Die nächste Kirche war 15 Kilometer entfernt. Und wir mussten im tiefen Schnee mit dem Schlitten immer dorthin“, erzählt Werner Lück. Die Tränen sind mittlerweile getrocknet. Dennoch: Er wirkt nachdenklich. Die Erinnerungen an die He mat im damaligen Westpreußen wühlen auf. Auch seine Ehefrau Edeltraut Lück kann sich gut erinnern. Sie flüchtete damals aus Schlesien. „Ich war nach der Flucht nie wieder in meiner Heimat“, sagt sie. Schaut nachdenklich ihren Mann an.

Heute besuchen alle drei – Ehefrau und Schwester nehmen den Mann in die Mitte – die Tagespflege der Volkssolidarität am Alten Forsthof in Ludwigslust. „Hier ist es schön. Wir fühlen uns wohl hier und aufgehoben“, sagt Werner Lück. Ganz zur Freude von Pflegedienstleiterin Frauke Dohrmann. Auch ihr waren die Tränen gekullert, als Werner und Elisabeth Lück von der Vergangenheit berichteten. „Wir können uns das heute gar nicht mehr vorstellen“, sagt Frauke Dohrmann und wischt sich mit dem Taschentuch über die Wange.

Ein künstlicher Baum verdrängte den echten

Auch heute am Heiligen Abend sitzt die Familie beisammen. „In den vergangenen Jahren haben wir noch immer einen echten Weihnachtsbaum gehabt“, erzählt Werner Lück. Mittlerweile wurde dieser in einen Künstlichen umgetauscht, verrät der 87-Jährige. „Der ist genauso hübsch.“ Mit den Kindern werde Weihnachten gefeiert. Ganz besinnlich bei Gänsekeulen und Gänsebrüsten. „Eine komplette Gans machen wir nicht mehr. Die ist ja nur hohl von innen“, sagt Werner Lück und lächelt.

Text: Sabrina Panknin, SVZ vom 24.12.2018